|
Erste
Seite | Vorige Seite | Folgende Seite
| Letzte Seite
Sechs neue Wege, Käufer und Verkäufer
zusammenzubringen
Der, sagen wir, Otto Versand schickt mir einen
Katalog. Der Katalog zeigt mir, was der Verkäufer anzubieten hat und zu
welchem Preis, und ich kann dann einen bestimmten Artikel zu diesem Preis
bestellen. Ich kann nur die Waren bestellen, die im Katalog sind, und nur
zu dem jeweils festgelegten Preis. Otto sendet mir die Ware, und ich
bezahle.
So weit, so gewöhnlich: Diese Beziehung zwischen
Verkäufer und Käufer ist mindestens so alt wie die Erfindung des Geldes
und des Marktes.
Nur: Warum müssen Online-Shops genauso
funktionieren? Die meisten E-Geschäfte sind bislang nichts anderes als
elektronische Kataloge mit eingebauter Bestellmöglichkeit.
Könnten
Online-Geschäfte mit den technischen Möglichkeiten des Internets nicht
ganz andere Modelle verwirklichen? Sie können, zumindestens in den
Vereinigten Staaten: Mit sechs neuen Einfällen versuchen Firmen-Neugründungen,
das Verhältnis zwischen Kunden und Anbietern neu zu regeln – sie
erfinden den Markt sechsmal neu.
Einfall
Nummer 1: Online-Preisvergleich. Nur wenige Online-Einkäufe sind Impuls-Käufe: 77%
aller Kunden gehen mit einem bestimmten Kaufvorsatz aufs Web. Und 78% der
Kunden besuchen drei oder mehr Sites, bevor sie etwas kaufen, so das
Ergebnis einer Umfrage von Jupiter
Communications.
Zwei
Hürden müssen die meisten Online-Shopper also vor dem Kauf nehmen:
Erstens müssen sie herausfinden, welche Web-Sites die gewünschte Ware überhaupt
anbieten. Und zweitens müssen sie das besten Angebot aufspüren.
Wohlbekannt
ist die Idee, den Kunden mit Preisvergleichs-Sites zu helfen (auch Best-Deal-Agenten
oder ShopBots genannt). Ihr Funktionprinzip ist einfach: Zunächst besucht
der Nutzer die Preisvergleichs-Site und gibt das gewünschte Erzeugnis an.
Die Site fragt anschließend die von ihr erfassten Anbieter ab und nennt
dem Kaufinteressenten die besten Offerten in einer Übersicht.
Bekanntester und bester aller Best-Deal-Agenten ist MySimon.
Doch
einige Web-Sites haben die Idee aufgebohrt: Mit ihrem Service muss der
Kunde nicht einmal mehr die Preisvergleichs-Sites besuchen. R
U Sure, entwickelt von der gleichen israelischen Firma wie der
Chat-Dienst ICQ, und DealPilot.com,
früher Acses.com, können auch, was MySimon kann. Doch haben die Sites
einen neuen Trick in petto: einen Online-Einkaufsberater.
(Beide Programme sind noch in Erprobung; Sie können R
U Sure hier laden und DealPilot
Express hier.) Diese Berater sind kleine Anwendungen, die im
Hintergrund laufen, während man in einem Online-Shop einkauft. Wählt man
einen Artikel, unterrichten sie den Kunden über möglicherweise
niedrigere Preise für das gewünschte Produkt in anderen Online-Geschäften.
Ein
Beispiel: Angenommen, Sie wollten das neue Buch “Timeline” des
Jurassic-Park-Autoren Michael Chrichton kaufen. Sie finden das Buch bei Amazon,
und der Online-Berater öffnet selbsttätig ein Fenster mit den Angeboten
von Amazon-Wettbewerbern, die günstigere Preise zu bieten haben.
Es
ist so, als ob Kaufhof-Verkäufer undercover bei Karstadt unterwegs
wären und die Kunden über bessere Preise bei Kaufhof informierten –
das verdient sämtliche kalifornische Ausdrücke der Wertschätzung: It’s
like, cool, man! Rad, dude, awesome! Kein Zweifel: Wir werden bald
mehr von diesen Beratern sehen: Schon hat BrainPaste
ein ähnliches Produkt angekündigt, bisher aber noch nicht vorgestellt.
Einziger Wermutstropfen der Online-Konsumberater: Der Anwender muss die
entsprechende Software erst laden und einrichten, was die Reichweite der
Produkte in der Internet-Nutzerschaft einschränkt.
Das
Geschäftsmodell der Online-Berater ist das gleiche wie bei den
Preisvergleichs-Sites: Jedesmal, wenn sie einen potentiellen Käufer zu
einem Online-Shop bringen, zahlt dieser eine Gebühr dafür. Kauft der
Kunde die entsprechende Ware auch, gibt’s obendrein einen Anteil am
Umsatz.
Einfall
Nummer 2: Käufermärkte.
Preisvergleiche sind prima, wenn Kunden simple Regalware wie Bücher, CDs
oder Spielzeug kaufen wollen: Angebote verschiedener Läden lassen sich
leicht in ein Schema bringen und vergleichen. Anders sieht das mit
komplexeren oder seltenen Produkten aus wie Internetzugängen, Antiquitäten
oder Schmuck, bei denen Kaufinteressenten mit Händlern sprechen müssen,
bevor sie eine Entscheidung treffen können.
Sites
wie BuyingEdge.com, Imandi.com,
iWant.com und – beste Site – Respond.com
helfen ihnen: Käufermärkte machen aus dem Anbieter-Nachfrager-Verhältnis
ein Nachfrager-Anbieter-Verhältnis. Die Kaufinteressenten geben das
Produkt an, nach dem sie suchen, einschließlich ihrer Preisvorstellungen
sowie besonderer Wünsche. Die Site sendet ihre Anfrage sodann an die
angeschlossenen Händler, die das gewünschte Produkt anbieten. Zuvor
anonymisiert sie die Anfragen, damit die Online-Shops die Kunden nicht später
mit Werbe-Mails überschwemmen. Die Händler antworten an den Käufermarkt,
und der leitet die Antworten an die Interessenten weiter. Nun können
diese entscheiden, ob Sie mit den entsprechenden Händlern in Kontakt
treten wollen, und, falls ja, mit ihnen Einzelheiten aushandeln. Die Sites
erhalten eine Vermittlungsgebühr für Kaufinteressenten beziehungsweise
einen Anteil am Transaktionsumsatz.
Einfall
Nummer 3: Ein
einfacherer Verwandter des Käufermarktes sind die Nennen-Sie-Ihren-Preis-Sites.
Großmutter des Genres ist Priceline.com.
Das Unternehmen erwirbt Produkte direkt von den Herstellern; bisher sind
das Flugtickets, Autos und Hotelzimmer. Die Nutzer der Site geben an, was
für ein Produkt sie suchen und wieviel sie bereit sind, dafür zu
bezahlen. Ein Beispiel: Sie suchen einen Flug von San Francisco nach
Hannover für 500 Dollar (wie ich dies einmal im heldenhaften
Selbstversuch getan habe). Priceline.com prüft dann, ob einer der
Anbieter das Gewünschte zu diesem Preis abgeben will und informiert Sie
entsprechend. Vorteil für die Anbieter auf der Site: Sie können Waren
losschlagen, die sie sonst nicht losgeworden wären. 645.000 Flugscheine
haben Fluggesellschaften auf Priceline allein im dritten Quartal dieses
Jahres absetzen können.
Vorteil
für Priceline: Das Unternehmen bekommt einen Anteil des Kaufpreises als
Prämie. Vorteil für den Kunden: Er bekommt bestimmte Produkte wirklich für
‘n Appel und ‘n Ei. Doch es gibt auch Nachteile: Hat man eine Anfrage
einmal abgeschickt, muss man das Produkt abnehmen, falls ein Anbieter den
gewünschten Preis offerieren kann. Der zweite Haken: Man weiß nie, ob
der Preis, den man bekommen hat, tatsächlich der niedrigste ist, den man
auf dem Markt hätte bekommen können. Priceline-Manager sagen denn auch
blauäugig: “Niemand hat behauptet, wir würden den günstigsten Preis
finden.” Und schließlich müssen die Kunden Abweichungen vom gewünschten
Produkt in Kauf nehmen: Ich beispielsweise flog statt von San Francisco
nach Hannover vom 80 Kilometer entfernten San Jose nach Frankfurt, mit
einer über dreistündigen Wartezeit in Toronto. Doch ist die Site ideal für
Nutzer, die wenig Geld haben, aber dafür genug Zeit, sich über die gängigen
Preise zu unterrichten.
Einfall
Nummer 4: eWanted
ist der Protoyp der Umgekehrten- Auktions-Sites. Einfach gesagt:
Die Site funktioniert wie E-Bay, nur
eben umgekehrt. Nicht der Verkäufer bietet seine Ware an, sondern der
Kaufinteressent fragt sie in einer kostenlosen Kleinanzeige nach – und
Anbieter haben dann die Möglichkeit, das entsprechende Produkt zu
offerieren. Der Clou: Die Verkäufer können sich gegenseitig unterbieten,
um das Geschäft zu bekommen. Ist die Versteigerung (die eigentlich
“Versenkerung” oder “Verringerung” heißen müsste) beendet, kann
der Nachfrager die Anbieter kontaktieren und den Handel abschließen –
ein Kaufzwang besteht nicht. Die Site erhält eine Prämie für jeden
abgeschlossenen Verkauf. Vorteil für den Nutzer: Er erhält niedrige
Preise. Nachteil: Die meisten der angebotenen Waren stammen wie auf herkömmlichen
Auktions-Sites von Privatpersonen und nicht von kommerziellen Anbietern.
Die Auswahl ist also kleiner, und die Preise entstehen oft recht zufällig.
Einfall
Nummer 5: Einkaufsgemeinschaften. Die Idee ist alt: Je mehr ein Kunde
von einer bestimmten Ware abnimmt, einen desto besseren Preis gibt ihm der
Anbieter. Das Zauberwort heißt Massenrabatt: Kauft ein Nachfrager 100
Palm Pilots, dann ist der Preis pro Palm Pilot niedriger, als wenn er nur
einen abnähme.
Neu ist, dass
Einkaufsgemeinschaften-Sites die Leichtigkeit nutzen, mit der man auf dem
Web kommunizieren kann, um Kaufinteressenten schneller und wirksamer denn
je zu organisieren und sie mit Anbietern zusammenzubringen.
Und
so geht’s: Die Einkaufsgemeinschaften sprechen Anbieter von
Artikeln an, von denen sie annehmen, dass sie beliebt sind (selbstverständlich
nutzen sie dafür auch Nutzer-Feedback). Sie handeln dann mit den
Herstellern Rabattstaffeln aus: 25% für 1000 Palm Pilots, 35% für 10.000
und so weiter. Anschließend bieten sie die Ware auf ihrer Web-Site an und
fordern die Nutzer auf, sich als Kaufinteressenten einzutragen. Um endlose
Verkaufsrunden zu vermeiden, gibt es für jedes Angebot ein Zeitlimit.
Schließt die Site eine Runde erfolgreich ab, macht sie den Handel mit dem
Anbieter perfekt.
Mercata.com,
ein Unternehmen des Microsoft-Mitgründers Paul Allen, kauft an diesem
Punkt die entsprechenden Waren vom Anbieter, lagert sie und versendet sie
selbst an die Kunden. Das Plus: Die Site kann so sicherstellen, dass die
Waren prompt beim Kunden eintreffen und dieser zufrieden ist. Obendrein
verstärkt dieses Vorgehen die Markenbekanntheit – das Paket kommt von
Mercata und nicht vom ursprünglichen Anbieter. Minuspunkt: Der Betrieb
ist auf diese Weise komplexer als nötig, unflexibler und teurer. Andere
Sites (etwa Accompany und ActBig)
sind nur Vermittler zwischen Anbietern und Nachfragern. Kommt es zu einem
erfolgreichen Abschluss einer Verkaufsrunde, verschickt der Anbieter die
Waren, nicht die Site.
Die Idee der Web-Einkaufsgemeinschaften bietet
Vorteile für alle Beteiligten: Die Site-Betreiber erhalten einen Schnitt
der Differenz zwischen ursprünglicher und neuer, niedrigerer
Handelsmarge. Der Nutzen für die Handelspartner der Site: ein erhöhter
Warendurchsatz bei niedrigeren Grundkosten. Und der Ertrag für die Nutzer
der Web- Einkaufsgemeinschaften: Niedrigere Preise.
Doch Skeptiker fragen: Was unterscheidet
Web-Einkaufsgemeinschaften von Discount-Ketten wie der Metro oder
Einkaufsklubs? Auch diese können ihre niedrigen Preise nur anbieten, weil
sie sich auf einen großen Abnehmerkreis verlassen können und sie ihre
Waren so en gros einkaufen können.
Die Einkaufsgemeinschaften werden also nur Erfolg
haben, wenn es ihnen gelingt, ein Massenpublikum anziehen, um große Käufergruppen
zu bilden. Es braucht mindestens 25 bis 100 Interessenten pro Produkt, um
einen Massenrabatt zu erzielen, der einen deutlichen Preisvorteil bringt.
Bleibt abzuwarten, ob die rauhen Mengen Geldes, die alle
Web-Einkaufsgemeinschaften zur Zeit in die Werbung stecken, wirken wird.
Einfall
Nummer 6: Schacher-Web-Sites wie NexTag.com, HaggleZone.com
und MakeUsAnOffer.com. Hier wählt
der Kaufinteressent zunächst das gewünschte Produkt aus, und die
jeweilige Site macht ihm dann ein Angebot. Ist der Preis dem Interessenten
zu hoch, kann er ein Gegengebot machen und verhandeln, bis er und der
Anbieter sich auf einen Preis einigen – oder nicht. Vorteil gegenüber
Sites wie Priceline: Die Kunden können das Produkt wählen (und nicht nur
eine allgemeine Beschreibung abgeben), und sie können auch den Anbieter
bestimmten, mit dem sie den Handel abschließen wollen.
NexTag
ist die reinste und beste Vertreterin dieses E-Commerce-Genres. Auch hier
wählen Sie zunächst Ihr gewünschtes Produkt. Diese Site hat echte
Online-Shops an ihr System angeschlossen, mit denen Sie wirklich
verhandeln können. Die Site zeigt, welche Online-Shops dieses Produkt
anbieten und wieviel es jeweils kosten soll. Ist Ihnen der Preis zu hoch,
haben Sie die Möglichkeit, ein niedrigeres Gegenangebot zu machen. NexTag
leitet es an die Anbieter weiter. Diese reagieren im Idealfall innerhalb
von Minuten mit einem Gegenangebot. NexTag gibt den Verkäufern
Distribution für ihre Waren sowie eine Software, die Ihnen sagt, ob ein
bestimmter Deal sich noch für sie lohnt. Im Gegenzug erhält NexTag einen
Anteil vom Transaktionspreis.
Im
Gegensatz zu NexTag sind HaggleZone.com und MakeUsAnOffer.com in gewisser
Weise Mogelpackungen: Hier verhandelt der Nutzer in Wirklichkeit nicht mit
angeschlossenen Online-Geschäften, sondern lediglich mit der jeweiligen
Site selbst. Diese bietet ihm nur an, was sie vorher von Anbietern
eingekauft hat. Selbstverständlich heißt das auch, dass diese virtuellen
Verhandler am Ende nur jene Preise weitergeben können, welche die Firma
mit ihren Lieferanten vorher ausgehandelt hat. Der Kunde feilscht nicht
mit Menschen, sondern mit einer Software, und die Sites versuchen, der
Verhandlung einen menschlichen Tatsch zu geben, indem sie Fotos
beziehungsweise Zeichnungen des Verhandlers mit passenden Sprechblasen
einblenden… eine Spielerei, aber wem’s gefällt...
Hmmm…
sagen Sie nichts, ich ahne schon, was sie fragen wollen: Warum sollten
wohl Online-Shops Waren auf Schacher-Sites unter Preis anbieten und ihr
eigenes Produktangebot kannibalisieren? Die Antwort: Das wollen sie nicht.
Für Anbieter, die ihre Produkte an Schacher-Sites geben, sind diese nur
ein zusätzlicher Vertriebskanal, um Lager zu räumen und Auslaufmodelle
loszuwerden. Sie verkaufen es auf Schacher-Sites und nicht auf ihren
eigenen, weil sie nicht als Billiger Jakob dastehen wollen.
Unterm
Strich bleibt: Jede dieser Web-Sites kann den Kunden nur jene Preise
geben, die für sie kaufmännisch vernünftig sind – daran ändert auch
stundenlanges Feilschen nichts. Warum die Sites dann nicht gleich schlicht
und ergreifend Ausverkaufspreise anbieten? Weil die Verhandlung
Entertainment ist, das mehr Käufer anzieht.
Zurück
zur Übersicht.
Erste
Seite | Vorige Seite | Folgende Seite
| Letzte Seite
|