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Serie: So weiten Sie ihr Web-Geschäft international aus
Das Wachstum des Internets verlangsamt sich in
den USA. Mehr als 50% aller US-Haushalte haben mittlerweile einen
Internetzugang, der Web-Verkehr nimmt nicht mehr so schnell zu wie zuvor.
Langsameres Internet-Wachstum bedeutet auch langsameres Umsatz-Wachstum
und geringere Gewinne. Wall Street spitzt die Ohren, immer auf dem Sprung,
Investitionen aus Unternehmen abzuziehen, deren Ergebnisse enttäuschen.
Die Folge: Die Kurse und damit die Marktkapitalisierungen der Firmen würden
in den Keller gehen.
Aggressiv verfolgen deshalb US-amerikanische
Unternehmen internationale Expansionspläne: in Europa, aber zunehmend
auch in Asien und in Südamerika. Wollen Web-Unternehmer in Europa nicht völlig
unter die Räder kommen, beginnen sie besser heute damit, ihr Geschäft
international auszuweiten.
In einer fünfteiligen Serie stellt Ihnen der San
Francisco Newsletter die wichtigsten Web-Zukunftsmärkte der Welt vor.
Teil 3: China. In der Mai-Ausgabe: Japan.
China: Mauerblümchen mit
Riesenpotenzial
Die
Volksrepublik China läßt Internet-Investoren das Wasser im Munde
zusammenlaufen. Noch ist die Verbreitung des Internets in China zwar winzig.
Doch wenn nur ein Prozent aller Chinesen online geht, schafft dies schon
einen größeren Internetmarkt als in Deutschland.
Chinas
Wirtschaft brummt, seitdem die Regierung die Grundlagen des Kapitalismus
eingeführt hat: die Freiheit, die Sehnsucht nach Wohlstand auszuleben. Doch
was ein guter westlicher Investor ist, der weiß auch: Die Wirtschaft muss
mit Demokratie, Meinungsfreiheit und Rechtssicherheit geölt werden.
Beobachter
im Westen hoffen deshalb, dass die rasend schnell wachsende Internetgemeinde
in China nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen Nutzen aus der
Internet-Revolution ziehen wird. Anfang der 90er Jahre hat das Reich der
Mitte Reformen zur Industrialisierung und Modernisierung eingeleitet. Doch
steht den weitreichenden Wirtschaftsreformen nur wenig mehr politische
Freiheit gegenüber. Bisher fühlt sich der Mehrheit der Chinesen allerdings
nicht politisch unterdrückt und steht dem Demokratiegedanken gleichgültig
gegenüber. Ein Grund hierfür ist, dass das Volk Informationen vornehmlich
durch die herkömmlichen Medien bezieht – und die sind zensiert.
Das
Internet befreit Informationen und läßt sich schwer kontrollieren. Wird es
helfen, Hierarchien abzubauen, das Land zu demokratisieren und eine
“Informationsrevolution” von unten nach oben zu bewirken?
Dazu
fehlte bisher die kritische Masse – doch könnte sich das bald ändern.
Zwar sind nach Angaben des Marktforschungsunternehmens IDC
zur Zeit nur neun Millionen Chinesen online. Das sind von den rund 1,2
Milliarden Bürgern der Volksrepublik nur 0,75 Prozent. Doch schon das
kleinste Wachstum dieser relativen Zahl sorgt für eine Explosion der
absoluten Nutzerzahlen. So entspräche schon eine Internetverbreitung von
nur 1,5% 18 Millionen Anwendern – das wären doppelt soviele, wie zur Zeit
in Deutschland auf dem Web unterwegs sind. Schon im Jahre 2003 sollen 44
Millionen Chinesen online sein, so eine Schätzung der Marktforscher von Computer
Economics.
Dann würde das
Internet auch mehr als nur die Bildungselite erreichen, die im Moment das
Gros der Nutzer ausmacht. Laut einer im Januar veröffentlichten Studie des China
Internet Network Information Centers (CNNIC) ist der typische
Internetbenutzer in China männlich (79% der Nutzer), alleinstehend (64%),
30 Jahre alt oder jünger (78%) und verfügt über einen Universitätsabschluss
oder steht kurz vor dem Abschluss (84%).
Wirtschaftliche Reformen
ohne politische Änderungen
Seit Mitte der
80er Jahre Jahre ist in dieser Elite eine Debatte zum Dreieck
"Industrialisierung", "Informatisierung" und
"Marktwirtschaft" im Gange. Gleichzeitig entwickeln ins Ausland
geflohene Dissidenten Reformideen für China.
Die Regierung
sorgt sich um ihre Herrschaft: Wenn das Volk per Internet ohne Filter auf
diese Informationen, Ideen und Nachrichten zugreifen könnte, könnte es auf
dumme Gedanken kommen. Im Februar 1996 reagierte sie auf das immer
"chaotischerer" Treiben auf dem Internet und gab die
"Bestimmungen über die Kontrolle des Internet" heraus.
Zudem entschied
sich die Führung dafür, erhebliche Mittel in die technische Infrastruktur
des Landes zu investieren. Zunächst hört sich das widersinnig an: Warum
sollten alte Bonzen in ein Medium investieren, das zu ihrem Henker erwachsen
könnte? Doch auf den zweiten Blick beweist die Entscheidung Mut und
Selbstvertrauen: Informationstechnologien steigern die Leistungsfähigkeit
von Märkten und von staatlichen Hierarchien. Sie verringern
Reibungsverluste und Koordinationskosten der riesigen Verwaltung des Landes.
Nützlicher Nebeneffekt: Je mehr Chinesen auf das Internet zugreifen, desto
mehr nimmt der Staat durch Zugangsgebühren ein. Offenbar traut sich die Führung
der Volksrepublik durchaus zu, etwaige Abweichler unter Kontrolle zu
bringen.
Schanghai,
„E-Commerce-City“
Sowohl für ausländische
Investoren und Handelspartner als auch für die chinesische Bevölkerung
bedeutet diese Förderung des Internets einen Segen: Chinesen lieben
elektrische Geräte aller Art, und der ideale Vertriebsweg für solche
Produkte wäre das Internet.
Aber sind die
chinesischen Surfer auch bereit, online einzulaufen? 1999 setzten alle E-Läden
Chinas zusammen etwa 469 Millionen Dollar um. Nach Angaben des staatlichen
“Sekretariats für Broadcasting und Informationstechnologie” soll der
E-Handel im Jahre 2003 ein Volumen von 18,6 Milliarden US-Dollar erzeugen.
Solche Vorhersagen ziehen selbstverständlich westliche Pioniere an, die den
Riesenmarkt rechtzeitig beackern wollen. Aus diesen Initiativen enstanden
Ende 1998 und Anfang des vergangenen Jahres in Peking die Online-Kaufhäuser
sina.com (http://www.sina.com/) und Sohu
(http://www.sohu.com/ – übersetzt:
“Der Suchfuchs”).
Starteten die
ersten Internet-Neugründungen noch im Pekinger Hightech-Viertel
“Zhomgguancun” in der Nähe der Universität, siedeln sich heute die
meisten neuen Web-Firmen in der Finanzmetropole Schanghai an. Die
Regionalregierung ist Neuerungen gegenüber aufgeschlossen und steckte
bereits einige Millionen Dollar in das “Infoport-Projekt”. Das Vorhaben
ist ein Business-Brutkasten, der junge Technologieunternehmen fördern soll.
Zwar steht Schanghai laut einer Umfrage des CNNIC mit einem Anteil von nur
elf Prozent aller Internetnutzer Chinas nur an dritter Stelle hinter Peking
(21 Prozent) und der Provinz Guangdong (13 Prozent); doch bekam die Stadt
schon jetzt den Segen aus Peking, ab sofort offiziell den Titel
“E-Commerce City” tragen zu dürfen.
Der Staat ist immer dabei
Doch wer glaubt,
mit einer E-Handels-Initiative für Verbraucher in China Erfolg zu haben,
sollte bedenken, dass trotz einer Bevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen
sich nur wenige Luxuswaren leisten können. Das Bruttosozialprodukt liegt
laut CIA World
Factbook bei 3,240 Dollar pro Kopf. Das ist noch weniger als sogar in
den ärmsten Ländern Südamerikas. Die meisten chinesischen Benutzer werden
sich also mit dem Surfen begnügen und kaum etwas kaufen. Freilich: Auch
wenn relativ gesehen nur wenige Chinesen das nötige Geld haben, um online
einzukaufen, ist die Zielgruppe quantitativ auch im Vergleich mit
entwickelten Ländern groß.
Eine Hürde für
Online-Läden, die auf den Massenmarkt zielen, ist die fehlende
Abrechnungs-Infrastruktur. Obwohl die Kreditkartenfirmen Mastercard und Visa
inzwischen mit Niederlassungen vertreten sind, fehlt ein nationales
Clearinghouse. Girokarten –Entsprechungen der europäischen EC-Karte–
sind lediglich für Kunden der vier größten Banken verfügbar. Das 1995
gestartete “Golden Card”-Projekt soll eine sinnvolle Infrastruktur für
bargeldlose Transaktionen errichten. In der Zwischenzeit wird per Nachnahme
abgerechnet.
E-Unternehmenshandel mit
China
Ebenso
schwierig ist es noch, E-Handel mit chinesischen Unternehmen zu treiben.
Noch hat die US-amerikanische Regierung ein Handelsabkommen mit der
Volksrepublik nicht abgeschlossen, das die beiden Länder zur Zeit
verhandeln. Und die Bemühungen der Europäischen Union hinken dem noch
hinterher. Im Jahr 2005 soll China der World
Trade Organization (http://www.wto.org)
beitreten, doch ist fraglich, ob dieser Fahrplan eingehalten werden kann.
Besonders die aus Sicht des Westens mangelnde Beachtung der Menschenrechte
und die schlechte Behandlung der Arbeitskräfte sprechen derzeit gegen einen
Beitritt Chinas in die WTO.
Doch
selbst unter diesen Voraussetzungen ist bereits Online- Unternehmenshandel
(B2B) möglich. Verschiedene Firmenhandels-Portale, sowohl ausländische wie
China.com.cn als auch staatliche wie ChinaMarkets.com.cn
(Peking) vermitteln zwischen chinesischen Verkäufern und westlichen Käufern.
Bei ChemConnect.com, dem
US-amerikanischen B2B-Portal für Einkäufer und Verkäufer in der
chemischen Industrie stammen rund zehn Prozent der registrierten Nutzer aus
China. Bei der chinesisch-sprachige Auktionssite http://www.iatoz.com/
sind etwa 40.000 Chinesen registriert. Eine weitere wichtige Site ist das
wiederum staatliche ChinaSources
(http://www.chinasources.com),
das industriellen Zulieferbetrieben vorformatierte Websites mit
E-Handels-Funktionen anbietet. Schon heute finden sich bei ChinaSources
20.000 Produkte.
Wer
nicht nur mit chinesischen Unternehmen oder Verbrauchern handeln will,
sondern eine Niederlassung in China eröffnen will, hat vier Möglichkeiten:
·
man findet einen
Vertreter, der ein Büro aufbaut,
·
man sucht ein
bestehendes Unternehmen, das als Agent handelt,
·
man bildet ein
Gemeinschaftsunternehmen, oder
·
man übergibt das
Management des Unternehmens vollständig an Chinesen.
Das
letztere passiert in letzter Zeit immer öfter, weil ausländische
Unternehmen per Dekret des mächtigen Chefs des Ministry
of Information Industry (MII), Wu Jichuan, die Kontrolle über ihre
Websites – und deren Inhalte – an Unternehmen unter chinesischem
Management abgeben müssen.
Kulturelle Fallstricke
Auch
kulturelle Unterschiede und Missverständnisse erschweren den Markteinstieg
für westliche Unternehmen. Das fängt mit den richtigen Umgnagsformen bei
Konferenzen an – beim Visitenkartentausch werden beide obere Ecken
festgehalten und erhaltene Visitenkarten umgedreht, um die chinesische Übersetzung
zu lesen – und hört auf mit der richtigen Verhandlungsstrategie.
Oft
ist die persönliche Beziehung bei Geschäftstreffen wichtiger als das
Dokument, über das man verhandelt. Auch wenn bestimmte Klauseln in einem
Dokument besprochen und unterschrieben wurden, bedeutet das nicht unbedingt,
dass die vertraglich festgelegten Punkte auch umgesetzt werden. Oft
empfinden beide Verhandlungspartner den jeweils anderen als hochmütig und
schwierig. Chinesische Partner sind oft stärker daran interessiert, etwaige
versteckte Absichten aufzuspüren, anstatt sich auf den zur Diskussion
stehenden Vertrag zu konzentrieren. Eine andere Strategie chinesischer
Manager wird häufig mit dem Begriff “CEO Syndrome” beschrieben. Der
westliche Vertragspartner bekommt eine Sonderbehandlung, wird mit teuren
Restaurantbesuchen eingelullt und es wird ihm vorgemacht, er würde als
“Freund von China” zur “In-Gruppe” gehören. Oft wird damit
versucht, Zugeständnisse zu erhalten.
Eine
weiterer kultureller Besonderheit hängt mit der Geschichte Chinas zusammen:
Jahrhundertelang haben westliche Nationen China brutal ausgebeutet. Viele
Chinesen glauben deshalb, dass es unmoralisch ist, dass westliche Geschäftsleute
überhaupt einen Gewinn in China machen. Sollte das westliche Unternehmen
dann tatsächlich Gewinne erzielen, dann muss der chinesische
Vertragspartner mit Gesichtsverlust bei Kollegen und Chefs rechnen. Und im
Gegensatz zu den westlichen Managern bekommt der chinesische Gegenpart keine
oder nur sehr geringe finanzielle Anreize. Mit anderen Worten: Er hat bei
einem erfolgreichen Abschluss finanziell wenig zu gewinnen und läuft
obendrein Gefahr, später getadelt zu werden. Scheitern die Verhandlungen,
hat er wenig zu verlieren und hat keinen Rüffel zu erwarten. Eine solche
Einstellung stößt selbstverständlich viele Investitionswillige ab.
Die
potenzielle Belohnung auf dem chinesischen Markt ist für Investoren
gewaltig. Doch wer in der Volksrepublik China Internet-Geschäfte betreiben
will, braucht Geduld und einen langen Atem.
Reiner Gaertner
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