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Serie: So weiten Sie ihr Web-Geschäft international aus
Das Wachstum des Internets verlangsamt sich in
den USA. Mehr als 50% aller US-Haushalte haben mittlerweile einen
Internetzugang, der Web-Verkehr nimmt nicht mehr so schnell zu wie zuvor.
Langsameres Internet-Wachstum bedeutet auch langsameres Umsatz-Wachstum
und geringere Gewinne. Wall Street spitzt die Ohren, immer auf dem Sprung,
Investitionen aus Unternehmen abzuziehen, deren Ergebnisse enttäuschen.
Die Folge: Die Kurse und damit die Marktkapitalisierungen der Firmen würden
in den Keller gehen.
Aggressiv verfolgen deshalb US-amerikanische
Unternehmen internationale Expansionspläne: in Europa, aber zunehmend
auch in Asien und in Südamerika. Wollen Web-Unternehmer in Europa nicht völlig
unter die Räder kommen, beginnen sie besser heute damit, ihr Geschäft
international auszuweiten.
In einer fünfteiligen Serie stellt Ihnen der San
Francisco Newsletter die wichtigsten Web-Zukunftsmärkte der Welt vor.
Teil 5: Japan. In der Juli-Ausgabe: Andere Märkte Asiens.
Big in Japan
Nur
in den USA surfen mehr Internet-Benutzer als in Japan. Doch die wahre
Internet-Revolution findet in Japan jenseits der Festleitungen und des PCs
statt: M-Handel (Handel per mobiler Internetzugangsgeräte) und
Online-Shopping an Terminals in Tante-Emma-Läden helfen dem Land der
aufgehenden Sonne, verkrustete Strukturen aufzubrechen -- davon können auch
Pioniere aus dem westlichen Ausland profitieren.
Fremdenfeindlichkeit,
Klassensystem, Intoleranz, und kaum überwindbare kulturelle Eigenheiten --
Wer schon einmal mit dem “alten Japan”, vor allem mit den wenigen, aber
einflussreichen Familienunternehmen, den ‘Zaibatsus’, konfrontiert war,
sollte umdenken. Denn in Japan bewegt sich einiges, das Land bewegt sich mit
Riesenschritten in die “Neue Wirtschaft” und versucht, asiatische
Rituale und westliche Technologie unter einen Hut zu bringen. Doch anstatt
stur die Situation im Silicon Valley nachzuahmen, geht die
Internet-Industrie Japans einen eigenen Weg -- zu unterschiedlich sind die
Rahmenbedingungen und vor allem die kulturelle Ausrichtungen der Japaner.
Pauschaltarif für
Internet-Zugang kommt schleppend
Noch
vor knapp zwei Jahren sah die Lage der japanischen Internet-Industrie nicht
so rosig aus. Das lag nicht nur am Zusammenbruch der asiatischen Märkte,
sondern auch am Zugangsmedium. Die Japaner konnten sich nie so richtig mit
PCs anfreunden. Viele fühlten sich schon durch die Tastatur zu eingeschränkt;
immerhin benutzen Japaner täglich etwa 3.000 chinesische Schriftsymbole.
Darüber hinaus kosten PCs im Durchschnitt zwar etwa so viel wie in
Deutschland, doch haben viele Japaner einfach zu wenig Platz in ihren
Wohnungen, die Blechschüssel samt Bildschirm und Drucker unterzubringen.
Zudem muss der Grossteil der Japaner noch immer sowohl Internetzugangs-Gebühren
als auch für die Telefonleitung pro Minute zahlen -- für viele ist das zu
teuer.
Dabei
hatte das japanische Ministerium für Post und Telekommunikation im Juni des
vergangenen Jahres angeordnet, dass der faktische Ortsnetzmonopolist NTT
(Nippon Telegraph and Telecom) einen Pauschaltarif für den Internet-Zugang
einführen und dazu die notwendiigen Investitionen durchführen muss. In der
Nebenzeit von 23 bis 8 Uhr bietet NTT bereits seit einigen Jahren einen
Flatrate-Telefontarif namens “Tele Houdai” an. Erst im dritten Quartal
2000 wird NTT einen unbeschränkten Internetzugang per ISDN für 5.000 Yen
(rund 100 Mark) im Monat anbieten. Doch wie auch in Deutschland scharren
private Unternehmen mit den Hufen, um in den vielversprechenden Markt
einzudringen: Tokyo Metallic
Communications startete Anfang des Jahres seinen Pauschaltarif-Dienst in
Tokio. Dabei erhält ein Testpublikum von 9.000 Personen einen
DSL-Hochgeschwindigkeitszugang (640 Kbps - 1,5 Mbps) für 5.500 Yen (rund
110 Mark) im Monat. Zudem hat sich mit Softbank,
Microsoft und der Tokyo
Electric Power Company ein interessantes Trio zusammen gefunden, welches
das bestehende Kabelnetz nutzen und damit in Wohngebieten den Zugang über
Glasfaserkabel ermöglichen will -- ein ambitioniertes Vorhaben, denn nur
etwa ein Prozent aller Japaner verfügen über Kabelfernsehen.
Die Revolution ist in der
Luft
Erst
die Einführung von Internet-fähigen WAP-Handys (Wireless Application
Protocol) ließ die Japaner -- ohnehin schon immer verliebt in
Techo-Spielzeuge -- in den Internet-Rausch fallen. Etwa jeder siebte der 126
Millionen Japaner besitzt ein Mobiltelefon, etwa 6,5 Millionen der vom
Marktforschungsunternehmen IDC gezählten
18 Millionen Internet-Surfer sind über das NTT Mobile Communication Network
(kurz: DoCoMo) unterwegs. Und es werden immer mehr: Laut NTT melden sich pro
Monat etwa 450.000 neue Kunden an, und das Unternehmen schätzt, dass nächstes
Jahr etwa 20 bis 30 Millionen Japaner drahtlos im Internet surfen. Es
scheint, als wäre jetzt schon jeder im “i-mode”-Delirium: Statt an
Videospielen fingern junge Japaner nun lieber an Miniaturhandys herum,
surfen mit dem Webbrowser oder verschicken E-Mails. Das ist nicht unbedingt
billig, schreckt die Japaner aber nicht ab: Der Versand einer 250 Zeichen
langen Email kostet etwa 20 Pfennig, der Empfang die Hälfte. Kein Wunder,
dass sich schon jetzt ein umkämpfter Markt um die Drahtlos-Surfer gebildet
hat. Inzwischen lassen sich online etwa 5.000 maßgeschneiderte WAP-Websites
abrufen. Inhalte bedeuten dabei zumeist Umsätze: Alles kostet Geld, selbst
der Abruf eines Kinoprogramms kann schnell etwa 50 Pfennig kosten.
Freilich
steckt der M-Handel trotz rasanten Wachstums auch in Japan noch in den
Kinderschuhen. Doch spannend wird es Anfang 2001, wenn NTT die “Dritte
Generation” des Surfens per Handy einführen will. Dann werden die Japaner
auch drahtlos mit Geschwindigkeiten von bis zu 2 Mbps surfen. Fieberhaft
arbeiten die Anbieter an neuen Breitband-Anwendungen für den M-Handel.
Ein
weiteres alternatives Zugangsgerät könnten Videospielkonsolen werden. Über
Sega Dreamcast redet in Japan schon
niemand mehr, vielmehr setzt jeder grosse Hoffnungen auf die Playstation 2
von Sony.
Sake, Nudeln und das
Internet
Dementsprechend
rosig sehen auch die Zukunftsprognosen der Marktforschungsinstitute aus: IDC
sagt für das Jahr 2003 E-Handels-Umsätze von 87,5 Milliarden Dollar voraus
-- 1999 wurden dagegen schlappe 2,2 Milliarden Dollar über das Internet
erwirtschaftet. China, der andere aufgehende Stern Asiens, sieht dagegen
vergleichsweise blass aus: Nach Angaben von IDC werden im Jahre 2003
E-commerceumsätze von 43,95 Milliarden Dollar eingefahren -- also nur die Hälfte
bei fast zehn mal höherer Einwohnerzahl.
Neben
dem M-Handel ist der “K-Handel” eine potentielle Einnahmequelle. ‘K’
steht dabei nicht für “Kreditkarte”, sondern für “Kiosk”. Noch
immer sind Kreditkarten und selbst Girokarten für den Großteil der
japanischen Bevölkerung eher suspekt. Wer schon einmal gesehen hat wie
japanische Frauen vor einem Geldautomaten stehen und sich nach Erhalt des
Geldes ehrfurchtsvoll verbeugen, wird dies bestätigen. Wie macht man aus
der Not eine Tugend, fragten sich japanische Macher und brauchten dabei nur
zur nächsten Strassenecke zu schauen: Japaner sind ausgesprochene Freunde
von Mini-Supermärkten und ‘Tante-Emma-Läden’ (‘Konbinis’). Etwa
36.000 solcher Läden überziehen das Land, und viele stellen öffentliche
Internet-Terminals auf. Ein besseres Vertriebsnetz kann man nicht erfinden.
Mittlerweile haben sich die Japaner an die klobigen
Multimedia-Einkaufs-Terminals zwischen Trockenfleisch, Miso-Suppe und
Seetang gewöhnt. Da muss nicht mehr nach Hause laufen, wenn man per
Internet noch schnell ein Buch, eine CD oder gar ein Auto bestellen will,
sondern bestellt es gleich im Laden, kann es einen Tag später dort abholen
und zusammen mit dem Sake an der Kasse bezahlen. Da der Supermarkt als das
"Gesicht" des Online-Händlers auftritt, fühlen sich die Kunden
beim Einkauf wohler und sicherer als auf anonymen Websites.
Japaner werden
riskofreudiger
Eine
Studie des Marktforschungsunternehmens InfoCom zeigt, dass die japanischen Käufer
nicht zuletzt aufgrund der Online-Terminals wagemutiger geworden sind:
Demnach haben bereits 56 Prozent aller japanischen Online-Nutzer einmal
etwas online bestellt. Und wenn der Knoten erst einmal geplatzt ist, dann
legen Japaner gleich so richtig los: Laut der Marktforscher haben ein
Drittel dieser Käufer bereits jeweils 2000 Mark bei Cyberhändlern
ausgegeben und mindestens vier bis fünf Transaktionen getätigt.
Vor
allem die Minimarkt-Kette Seven Eleven
treibt die Entwicklung voran. Schon seit einiger Zeit kännen Websurfer
Waren über das Web bestellen und dann bei Seven Eleven abholen und bar
bezahlen. Die Terminals bieten Partnerunternehmen wie Yahoo!,
NEC, Sony,
Mitsui und eShopping ein
hervorragendes Vertriebsmedium. Viele japanische Kunden sind noch immer sehr
zurückhaltend, Geschäfte mit einem Unternehmen zu machen, das keine
Firmenpräsenz im Land hat. Daher sollten Unternehmen aus dem Ausland auf
jeden Fall das bestehende Vertriebsnetz der Ketten Seven Eleven, Lawsons und
Family-Mart nutzen. Westliche Produkte sind beliebt in Japan, jedoch nur,
wenn sie eine hohe Qualität und einen niedrigen Preis haben. Ein gutes
Beispiel dafür ist die Shopping-Site www.usstyle.com.
So klappt der Einstieg
Noch
immer glauben viele “globale” Unternehmen, es würde reichen, ein Büro
in Hongkong oder Singapur zu haben, um damit alle anderen asiatischen Märkte
ebenfalls abzudecken – stimmt nicht. Das wäre genauso, als würde ein
amerikanisches Unternehmen nach Tel Aviv gehen, um von dort aus Europa zu
erobern.
Diese
Standorte sind besonders interessant in Japan: Das “Bit Valley” in
Shibuya, ein weiteres “Bit Valley” in Chiba, im Osten von Tokio,
“Forest Valley” in Morioka und das “Mid Valley” in Nagoya,
geografisch genau zwischen Tokio und Osaka gelegen. Ebenfalls erwägenswert
sind Fukuoka auf der südlichen Insel Kyushu und natürlich Kyoto, das
ebenfalls High-Tech-Industriezentren beheimatet.
Wer
ein Büro in einem der Gebiete eröffnen will, sollte zunächst mit einem
Besucher-Visum einreisen. Nirgendwo ist es wichtiger als Japan,
“menschliche Türöffner” zu haben. Man muss also jemanden finden, der
die richtigen Leute kennt. Eine solche Funktion übernehmen Vermittler, die
bei einer Bank oder einem Risikokapitalisten arbeiten. In Japan nennt man
diese Kuppler “shokai-sha”. Wer Glück hat, findet vielleicht auch einen
“amakudari”, einen in Rente befindlichen hohen Regierungsbeamten, der
ebenfalls erstklassige Kontakte hat. Machen Sie nicht den Fehler, offen über
die Entlohnung in Geld, Aktienoptionen oder in teuren Geschenken zu
verhandeln -- die Kuppler könnten sich beleidigt fühlen.
Eine
Unternehmensgründung beantragt man beim “Office of Corporate
Registration” (“homu-kyoku”), die meisten ausländischen Unternehmen
werden als K. K., oder “kabushiki kaisha”, eine Art GmbH, geführt. Wer
ein Büro und jemanden gefunden hat, der das Büro leitet, schickt sämtliche
Dokumente zum “Tokyo Regional Immigration Bureau”, wo man sich dann für
“Certificate of Eligibility” bewerben kann. Hat man das Zertifikat erst
einmal in den Händen, muss man zurück nach Deutschland, um dort ein
Arbeitsvisum “4-1-5 Investor/Business Visa” zu beantragen.
Kulturelle Fallstricke
Wer
schon einmal mit Japanern geschäftlich zu tun hatte, weiß, dass bestimmte
Höflichkeitsrituale wichtig sind. Während Japaner auf westlichen Messen
und Kongressen schlecht informierten und unkultivierten westlichen Managern
noch verzeihen, sieht das in Japan selbst anders aus: Wer sich nicht an die
lokalen kulturellen Gegebenheiten anpassen will, macht keine Geschäfte.
Kontakte mit Unternehmen werden, wie oben bereits beschrieben, am besten über
professionelle Verkuppler eingefädelt. Vertrauen ist sehr wichtig für
japanische Manager. Wer Partnerschaften und Kooperationen mit
Handelspartnern abschließen will, richtet seine Anfrage an das
“somu-bu” des jeweiligen Unternehmens, jene Abteilung, die alle Anfragen
sammelt. Besser ist man jedoch manchmal im “kokusai-bu”, dem
“International Affairs Department” aufgehoben. Kommt es zu
Verhandlungen, wird eine spezielle Person abgestellt, die immer bei allen
Verhandlungen dabei ist und Protokoll führt (der sogenannte “Grüßer”).
Im Umgang mit Japanern sind verschiedene Dinge zu beachten. Das liegt vor
allem an den unterschiedlichen Verhandlungsstrategien. Während westliche
Argumentationen am liebsten Fakten und Zahlen einsetzen, sehen sich vor
allem die alteingesessenen Unternehmen nicht unbedingt als Profitmaschinen.
Im
Westen gilt als integer, wer im wesentlichen eine gesellschaftliche Rolle
spielt. Doch Japaner spiele gleich mehrere Rollen die sich auch überschneiden
können: So kann sich zum Beispiel ein Geschäftsführer eines japanischen
Unternehmens in Vorstandsdiskussionen wie ein ungehobelter Reisbauer
verhalten, in Konkurrenzsituationen mit anderen Unternehmen wie ein Samurai
und in sozialen Situation wie ein buddhistischer Mönch. Westliche
Beobachter lassen sich von solch vielschichtigen Persönlichkeitsprofilen
oft verwirren oder unterschätzen den Gesprächspartner. Für westliche
Manager ebenfalls neu ist oft das Tabu, nicht über die Schwächen ihrer
Konkurrenten zu sprechen. Stattdessen sollte immer über die Stärken des
eigenen Produktes geredet werden.
Pioniere gefragt
Nie
war es einfacher und lukrativer, Märkte im Land der aufgehenden Sonne zu
erschliessen. Im Gegensatz zu China, wo ebenfalls Goldgräberstimmung
herrscht, lassen sich in Japan kurzfristigere Erfolge feiern. Die
geschlossene Gesellschaft öffnet sich zunehmend Ausländern. Man sagt, dass
die Entwicklung in Japan der US-Entwicklung -- abgesehen vom M-Handel per
Internet-Handy -- um etwa 3 Jahre hinterherhinkt. Deutsche Unternehmen mit
interessanten Produkten und Diensten, vor allem im Funkmobilbereich, sollten
den Sprung so schnell wie möglich wagen -- auch wenn die kulturelle
Herausforderung auf den ersten Blick überwältigend wirkt. Doch wer Fuß
fassen und sich den regionalen Gegebenheiten anpassen kann, findet in Japan
ein gutes Sprungbrett für weitere Projekte im asiatischen Raum.
Reiner Gaertner
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