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Drahtloses Internet:
ein Milliardengrab?
Nacht über Entenhausen: Einsam sitzt Ron Sommer, Deutsche-Telekom-Chef und
reichster Erpel der Welt, in seinem Geldspeicher. Stunden lang vergnügt er
sich damit, seine Eurochen zu zählen und sie zu wienern. Sie in die Luft zu
werfen und sich auf die Glatze prasseln zu lassen! Mit erigiertem Pürzel in
sie einzutauchen und darin herumzuwühlen!
So oder ähnlich müssen wohl die Träume der Telekom-Manager Europas
aussehen, die gerade fast 90 Milliarden Euro bei der Versteigerung der
sogenannten UMTS-Lizenzen ausgegeben haben. 50 Milliarden in Deutschland. 35
Milliarden in Großbritannien. 2,5 Milliarden in Holland. Und die Auktionen
in Italien und in anderen Ländern Europas und Asiens stehen noch bevor.
Hinzu kommen die schätzungsweise 48 Milliarden für den Aufbau der
UMTS-Infrastruktur und die Dienste-Vermarktung in Europa. Wofür haben die
Telekommunikations-Manager da so viel Geld ausgegeben? Und können sie das
Geld jemals wieder einnehmen oder gar Gewinn machen?
Eine UMTS-Lizenz spricht dem Sieger einer Versteigerung das Recht zu, einen
bestimmten Frequenzbereich des Funkspektrums zu nutzen. Und UMTS, das Universal
Mobile Telecommunications System, ist eine Mobiltelefon-Norm, welche den Hochgeschwindigkeits-Datenaustausch mit Handys ermöglicht (und anderen
Geräten wie Handrechnern). Zwar lassen sich schon heute Daten mit Handys
austauschen, doch ist die Datenübertragung so langsam, dass Nutzer damit
kaum auf dem Web surfen könnten. Tragbare UMTS-Geräte wie Handys,
Handrechner und Musikspieler, aber auch Web-Seher in Autos, werden es den
Anwendern erlauben, das Internet überall und jederzeit, schnell und bequem
zu nutzen. (Siehe Drahtloses
Internet und der Tod des PCs, SF Newsletter, August 1999 sowie Das
Auto als Web-Browser, SF Newsletter, Mai 2000.)
Zehnmal so groß wie das Internet, das wir heute kennen, soll das drahtlose
Internet werden, nach der Zahl der Nutzer wie nach dem Umfang des Verkehrs. Je
nach Marktforschungsunternehmen nutzen schon in diesem Jahr weltweit
zwischen 2 und 5 Prozent aller Anwender das Internet mit Drahtlos-Geräten,
das entspräche zwischen 2,4 und 6,0 Millionen Nutzern (Quelle: Ovum,
ResearchPortal.com). Bis zum Jahr 2005 soll sich diese Zahl auf 484
Millionen (Ovum) oder gar 1 Milliarde vervielfachen (IDC).
Umsatz aus Werbung und M-Handel?
Massen von Konsumenten werden massenhaft das Internet nutzen – da müssten
doch Massen von Geld zu machen sein! Doch ob die Telekoms ihre
Einstiegsinvestitionen jemals wieder werden einfahren können, und womit,
steht in Wirklichkeit in den Sternen. Die zwei wichtigsten Umsatzquellen
sind Anzeigeneinnahmen und der mobile Handel, der sogenannte M-Handel.
Das Marktforschungsunternehmen Ovum sagt voraus, dass der Umsatz mit
Drahtlos-Anzeigen in den USA im Jahr 2003 auf 1,2 Milliarden Dollar wachsen
wird, auf 2,9 Milliarden im Jahr 2004 und bis auf 16 Milliarden im Jahr
2005. Klingt nach viel, ist aber wenig: 1999 wurden in den USA rund 3,3
Millarden Dollar mit herkömmlicher Web-Werbung umgesetzt (Forrester
Research), und in 2003 soll dieser Umsatz auf 24 Milliarden steigen.
Drahtlose Anzeigen würden 2003 also gerade einmal ein Zwanzigstel der
Web-Werbung ausmachen.
Was die Werbung auf Internet-Handys betrifft: Keinem Werbetreibenden ist
wohl bei dem Gedanken, Anzeigen nach dem Gießkannenprinzip auf die Handys
von Konsumenten zu schicken. Nein, wenn schon Werbung, dann nur gezielt,
also solche, die echte Bedürfnisse des Nutzers anspricht. Sie haben es
erraten: Wir sprechen von einer Wiederbelebung der Einzelkunden-Vermarktung
(one-to-one marketing) – aber mit dem Extra-Blobb. Bisher wussten
Marketiere durch Kundenprofile nur, was bestimmte Konsumenten wollen. Doch
die Handys der nicht allzu fernen Zukunft werden mit einem Global
Positioning System (GPS) ausgestattet sein. Dann können Vermarkter den
Aufenthaltsort des Kunden bis auf zehn Meter genau bestimmen. Vereinen sie
beide Informationen, können sie ihm Waren anbieten, die er in der
jeweiligen Situation brauchen könnte.
Dieser Einfall ist an und für sich
vielversprechend, doch hat die Branche bislang Schwierigkeiten, sich dafür
eine echte Anwendung auszudenken. Geht man heute zu einer Internet-Fete in
San Francisco und lässt unvorsichtigerweise das Wort „wireless“
fallen, wird einem das Gegenüber ohne Gnade antworten mit einem
„Mit-Drahtlos-kann-man-ganz-viel-Geld-verdienen-zum-Beispiel-Ein-Kunde-
geht-an-einem-Cafe-vorbei-und-das-Cafe-kann-ihm-den-ersten-Milchkaffee-
zum-
halben-Preis-auf-seinem-WAP-Handy-anbieten-piep!“
Manchmal kommt man nicht einmal so weit: „wire...“
-- „Mit-Drahtlos-kann-man-ganz-viel-Geld-verdienen-zum-Beispiel-Ein-Kunde-
geht-an-einem-Cafe-vorbei-und-das-Cafe-kann-ihm-den-ersten-Milchkaffee-
zum-
halben-Preis-auf-seinem-WAP-Handy-anbieten-piep!“
Naja! Die Idee der Direktvermarktung auf mobilen
Internetgeräten mag ja funktionieren, aber sicher nicht so. Sie hat darüber
hinaus zwei Riesenhaken: den Nerv-Faktor und den Datenschutz. Plugout.com,
ein Online-Laden für Handy-Zubehör, hatte im April unaufgefordert eine
Anzeige auf die Handy-Displays von 10.000 AT&T-Wireless-Kunden
geschickt. Die Empfänger waren so empört, dass es erstaunlich ist, dass
niemand eine Briefbombe an plugout.com geschickt hat. Kein Wunder: Die Leute
sind genervt. Ironisch sagte mir ein Kollege, der ein Internet-fähiges
Handy nutzt: “Na klar, liebe Werbetreibende, stört meine Privatsphäre,
wann immer ihr wollt, wo immer ich bin, und ohne mich um Erlaubnis zu
fragen!”
Auch Datenschutz-Sorgen spielen eine Rolle: 89% der
Befragten in einer Business-Week-Umfrage sagten, sie sorgten sich über
Vorhaben von Marketieren, ihre Webseh-Gewohnheiten mit ihren persönlichen
Daten zu verbinden. Die meisten Anzeigenagenturen, die mit Handy-Werbung
experimentieren, vertreiben die Anzeigen ihrer Werbekunden deshalb nur an
Nutzer, die dem zugestimmt haben. Andere bezahlen den Nutzer dafür, dass er
sich die Anzeigen ansieht. Adbroadcast.com zahlt Anwendern pro Anzeige
zwischen 5 und 50 US-Cent. Die Peoples Telephone Company in Hongkong bietet
ihren 90.000 Kunden um 25 Prozent niedrigere Telefongebühren an, wenn sie
sich bereit erklären, Anzeigen auf ihren Handys zu empfangen.
Drahtlos-Anzeigen werden
also nicht der große Umsatzbringer sein. Gottlob schätzen die
Marktforscher bei Ovum, dass die Umsätze im sogenannten M-Handel wesentlich
höher sein werden. Dieser „mobile Handel“ (engl. M-Commerce) bezeichnet
die Möglichkeit des Nutzers eines Internet-fähigen Handys, unterwegs Waren
zu kaufen. Das können zum Beispiel Fahrkarten für die Öffis sein (wenn
wieder mal das Kleingeld fehlt), die Fahrtkosten fürs Taxi, Eintrittskarten
fürs Kino, Bücher, CDs, vielleicht will man auch seine Bankgeschäfte oder
seinen Aktienhandel drahtlos erledigen.
83 Milliarden US-Dollar
sollen im Jahr 2003 im M-Handel umgesetzt werden (6% des weltweiten allgemeinen E-Handelsumsatzes
von 1,3 Billionen Dollar). In
Nordamerika sollen davon 19 Milliarden Dollar Umsatz erzeugt werden (zur
Erinnerung: der Umsatz mit Drahtlos-Werbung soll bei 1,2 Milliarden liegen),
und in 2004 bei 32 Milliarden (Drahtlos-Werbung: 2,9 Milliarden).
Europa wird laut dieser
Untersuchung im Jahre 2004 51 Milliarden Dollar im M-Handel umsetzten. Das
ist rund und roh so viel, wie die Bieter allein in der deutschen
Versteigerung der UMTS-Lizenzen ausgegeben haben (46 Milliarden Dollar). Und
jetzt nochmal ganz langsam zum Mitschreiben: In vier (!) Jahren soll (!)
ganz Europa (!) nur soviel M-Handels-Umsatz (Umsatz, nicht etwa Gewinn!)
erzeugen, wie die Drahtlos-Internet-Betreiber gerade allein in Deutschland
ausgegeben haben!
Wo sind die echten
drahtlosen Anwendungen?
So heftig auch die Marktforscher an ihren Fingern saugen: Geld bringt das
drahtlose Internet nur, wenn es viele Leute nutzen. Ob sie dies tun, hängt
zum einen von den Anwendungen ab, zum anderen davon, wie praktisch die
Drahtlos-Geräte sein werden.
Was die Drahtlos-Anwendungen
betrifft, reicht die Fantasie der Betreiber nur dazu aus, bereits auf dem
Web vorhandenes auch auf mobilen Geräten anzubieten: Nachrichten und
Wettervorhersagen, E-Mail und Kalender, Instant Messaging, Reisen buchen
usw. usf. Wenig nur nutzt das Mobile des neuen Mediums, etwa Stadtführer,
Wegbeschreibungen oder Anwendungen, die mir die beste Verbindung zwischen A
und B aus allen öffentlichen Verkehrsmitteln zusammen stellen (cool!).
Doch ist dies nur das, was
man sich heute vorstellen kann. Mario Morales, Director of Semiconductor
Research bei IDC, sagt: „Man sollte nicht erwarten, dass solche
Anwendungen die Nutzung von Internet-Telefonen treiben. Die (Firmen) zählen
auf Killer-Anwendungen, die bis jetzt noch nicht existieren.“
Taugen die Geräte was?
Ob diese Mörder-Anwendungen
der Zukunft kommen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie praktisch die
Drahtlos-Geräte sein werden. Bisher gibt es fast nur Internet-fähige
Handys. Deren größte Schwachpunkte sind ihre winzigen Anzeigen und die
Tatsache, dass sie keine vernünftige Tastatur haben. Und das macht Surfen
zum Spaß nur für jemanden, der im Bett Handschellen und Halsband trägt.
Will man etwa heute ein Buch
auf Amazon per Handy bestellen, muss man elf Mini-Bildschirmseiten ausfüllen.
Auf eine ausführliche Beschreibung verzichte ich, ich will nur sagen, dass
sich allein der Titel “Harry Potter” wie folgt auf einem Handy
buchstabiert: 4-4 (H), 2 (A), 7-7-7 (R), 7-7-7 (R), 9-9-9 (Y), 0
(Leerzeichen), 7 (P), 7-7 (O), 8 (T), 8 (T), 3-3 (E), 7-7-7 (R). Da geh’
ich doch lieber gleich zum Cover-to-Cover Buchladen auf der 24. Straße.
Und
so ist die bisherige Internetnutzung per Handy alles andere als Liebe auf
den ersten Blick – und die Verkaufszahlen zeigen das. Die
Deutsche-Telekom-Tochter T-Mobil hat zum Beispiel Anfang diesen Jahres
begonnen, Internet-fähige Handys einzuführen. Das Unternehmen sagte im
Juli, dass bisher nur 1 Prozent ihrer 13 Millionen Kunden Internet-fähige
Handys gekauft hätten. Von diesen 1,3 Millionen Kunden nutzen nur zwei
Drittel das Internet mit ihrem Mobilfon -- und das seltener als einmal in
der Woche.
Sicher: Die Hersteller
werden die Drahtlos-Geräte verbessern. Sie werden so allgegenwärtig sein
wie Telefone, und einiges spricht dafür, dass sie noch omnipräsenter sein
werden – und vermutlich nervender. In
einigen Jahren werden Nokia und Ericsson und Palm drahtlose Internetgeräte
anbieten, die Telefon, Webseher, E-Mail-Client und Kalender in einem sind,
größere, farbige Anzeigen haben, gesprochene Befehle annehmen und
MP3-Lieder und Videos abspielen können -- und obendrein billiger als die
heutigen Handys sein werden.
Fast jeder in der Branche ist überzeugt, dass dieser
langsame Start nur den Kinderkrankheiten der Geräte geschuldet sind und die
Verbraucher ihn annehmen werden, sobald diese kuriert sind. Und so bereiten
sich alle auf die kommende Drahtlos-Welt vor: 90 Prozent aller Unternehmen
mit Websites planen, ihre Angebote auch für drahtlose Internet-Geräte
anzubieten.
Die Aktienmärkte allerdings, trotz aller kurzfristigen Unvernunft zuverlässige
Barometer für die Aussichten von Unternehmen, brachten die Kurse der
UMTS-Sieger ins Trudeln. Sobald die Telekoms Unternehmensanleihen auflegen,
um den Aufbau der UMTS-Netze zu bezahlen, werden sich ihre Bilanzen nochmals
verschlechtern – ein weiterer Fall der Aktienkurse wird folgen.
Vielleicht werden die Panzerknacker niemals die Chance haben, Ron
„Dagobert“ Sommer auszurauben. Der könnte nämlich in seinem leeren
Geldspeicher sitzen und nur noch sagen: <schluck>!
<schluck>!! <schluck>!!!
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