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Warum
gehen Deutsche ins Silicon Valley?
Rund 5000 Deutsche leben und
arbeiten in der Hochtechnologie-Branche im Silicon Valley. 5000 Menschen mit
Wagemut, Bildung, Kreativität und Fleiß, die in Deutschland fehlen. Die
acht wichtigsten Gründe, warum Hightech-Angestellte nach Kalifornien gehen,
sind gleichzeitig eine Liste der Dinge, die Wirtschaftslenker und Politiker
in Deutschland besser machen können.
1.
„Ich mag die Lebenseinstellung der Amerikaner: positiv, aufgeschlossen,
hemdsärmlig.“
Thomas Neubert, Gründer und Chef der Unternehmensberatung
Global Business Communications, spricht vielen Ex-Patriots (Expats)
aus der Seele: „Man schaut nach dem Positiven, nicht nach dem
Negativen.“ Heike Bartlett von der Personalberatung Korn/Ferry
International sagt: „Die Amerikaner freuen sich auf die Zukunft, in
Deutschland wird erst einmal alles (Neue) argwöhnisch begutachtet.“ Die
einhellige Meinung der Überseedeutschen: Tritt eine Schwierigkeit auf,
verfallen die Amerikaner nicht dem Schwermut, sondern fragen „Was können
wir machen?“
Diese
Einstellung macht nicht nur das Leben angenehmer, sie hilft auch, die
Highttech-Branche voran zu bringen. Über 200 Jahre nach der Gründung der
Vereinigten Staaten ist der Pioniergeist der Amerikaner quicklebendig:
Unverdrossen sucht der Amerikaner das Neue, die Chance, die nächste
Grenze, die er überschreiten kann. Allem neuen gegenüber ist er
aufgeschlossen. Jedes neue Produkt stößt erst einmal auf Begeisterung,
jeder neue Einfall bekommt seine Chance.
Diese
Mentalität ist der ideale Nährboden für neue Ideen, „um neue Sachen
zu entwickeln, neue Territorien zu entdecken, neue (...) Technologien zu
entwickeln“, sagt Fritz Schulz von Nuance, einem der führenden Anbieter
von Spracherkennungs-Software.
“Projekte werden viel enthusiastischer angegangen, das macht einfach
mehr Spaß”, ergänzt Schulz.
Obendrein passiert alles ein wenig schneller als in der
Alten Welt, sagt Klaus Schmidt, Chief Technology Officer bei der
Video-Streaming-Firma Teveo: „Der Unterschied (zwischen Deutschland und
Kalifornien) liegt wirklich in der Geschwindigkeit. Das ist die einzige
Art, in der man hier überleben kann, indem man einfach schnell ist.“
Schmidt weiter: „Aus deutscher Sichtweise würde man
sagen, ahja, das ist nur hingepfuscht. Aber (…) die Kombination aus
(...) einem europäischen Qualitätsanspruch und der amerikanischen Opportunity
(...), etwas wirklich auch unheimlich schnell auf die Beine zu stellen,
das ist die Kombination, die (Erfolg bringt).“
Die Erfahrung der Deutschen mit der alten Heimat steht
dazu im Gegensatz: Deutsche fürchten den Wandel, alles wird endlos
problematisiert, zerredet, es geht nur quälend langsam voran. Der
Deutsche sagt: Dieses Produkt ist noch nicht reif für den Markt. Der
Amerikaner sagt: Egal, bringen wir es erst mal raus, verbessern können
wir es immer noch.
„Wenn die Deutschen endlich den Sprung machen, haben die Amerikaner
schon fünf Sprünge gemacht“, beschreibt Heike Bartlett den Unterschied
zwischen den Kulturen.
2.
„Hier kann ich Fehler machen -- und lernen.“
Man
hat mehr Mut zur Lücke in den USA, es wird mehr probiert, und das
bedeutet auch: Es werden mehr Fehler gemacht. Scheitert ein schöpferischer
Jungunternehmer in Deutschland, ist er erledigt. Zweite Chancen werden
nicht gegeben in der deutschen Wirtschaft.
Der amerikanische Ansatz drückt sich in einer Empfehlung
des IBM-Gründers Thomas J. Watson aus: „Also immer vorwärts und Fehler
gemacht. Mach’ so viele Fehler wie möglich. Nur da wirst Du Erfolg
finden. Jenseits des Scheiterns.“ Heike Bartlett sagt: „Wenn Du hier, auch als junger
Unternehmer, etwas probierst, und es geht schief, dann wirst Du von der
Gesellschaft nicht gebrandmarkt, (...) sondern es wird gesagt: ’Klasse,
lern’ davon und probier’ was anderes.’“
3. „Ich will sein, wo die Hochtechnologie-Musik
spielt.“
Was das alte Sprichwort Jahrhunderte vor der modernen
Wirtschaftswissenschaft wußte: Der Teufel scheißt immer auf den größten
Haufen. Seitdem das Silicon Valley eine kritische Masse von Ideen,
Menschen, Unternehmen und Geld erreicht hat, zieht es immer mehr Ideen,
Menschen, Unternehmen und Geld an.
Kein Wunder, dass die deutschen Hightech-Experten sich im
kalifornischen Hochtechnologie-Zentrum ansiedeln: Sie wollen sein, wo die
Musik spielt, nicht in der verschlafenen deutschen Tech-Provinz. Zwischen
San Francisco und San Jose gibt’s immer interessante Jobs an der
vordersten Front der technologischen Entwicklung.
Eine Ursache, warum die Wirtschaft Amerikas lebhafter ist:
Der Markt ist einfach größer. „Wenn man (hier) ein neues Produkt hat,
hat man einfach gleich mehr Masse. (...)“, sagt Fritz Schulz, sieht aber
einen Silberstreifen für die Alte Welt: „Europa versucht das zu ändern
mit dem gemeinsamen europäischen Markt.“
In anderer Hinsicht könnte Besserung schwieriger sein:
Den unternehmerische Wagemut der Deutschen in Deutschland betrachten die
Neu-Kalifornier ebenso mit Argwohn wie deren Arbeitsmoral: „Hier stellt
man eben sein Gehirn am Freitag nicht automatisch auf privat. Auch am
Wochenende passiert hier was“, so Teveos Klaus Schmidt, „(…) es ist
eben eine Frage der Einstellung, und zwar ganzer Teams und nicht nur der
Manager.“
In Deutschland fehle es an Unternehmertum und
Risikobereitschaft. „Es (gibt) noch nicht den Willen, (ein) Risiko
einzugehen, und neue Unternehmensgründunge sind per se risikoreich. In
Deutschland ist man das oft noch nicht bereit, einzugehen. Als
individuelle Person, aber auch als Gesellschaft“, erläutert Schmidt.
Die
unternehmerische Denke ist in Amerika schon fast zur Volkskultur geworden.
„Hier gelten Unternehmer wie Bill Gates als Popstars, in Deutschland
immer noch als der Klassenfeind“, beschreibt Fritz Schulz von Nuance den
Unterschied in der Geisteshaltung.
Aber vielleicht ist der deutsche Michel auch nur daran gewöhnt,
lediglich das zu tun, was die Obrigkeit in Staat wie in Wirtschaft von ihm
verlangt – im Gegenzug muss er sich auch von der Wiege bis zur Bahre um
nichts sorgen. „In Deutschland wird dir alles abgenommen“, fasst Heike
Bartlett zusammen. Kein Wunder, dass diese bequeme Symbiose kaum
Arbeitnehmer mit Eigenverantwortung und Initiative, kaum Unternehmer
hervorbringt.
Fasst
sich denn aber doch mal jemand in Deutschland ein Herz, ein Unternehmen zu
gründen, findet er, dass dies immer noch ein aberwitziger Lauf über die
Hürden der Bürokratie ist. Ulli Kohl, Chief Technology Officer von
Questico, einer Expertenbörse auf dem Web, sagt dazu: „Für die Förderung
von Startups: Weniger Bürokratie! Das bremst eine junge Firma in der
Anfangsphase wirklich aus.“
4. „Hier werde ich für meine harte Arbeit auch
belohnt.“
Ein
weiterer Grund, der die deutsche Hightech-Elite anzieht: „Jeder hat den
Traum, in Kalifornien das große Geld zu verdienen (...)“, sagt Simone
Brixel, Ex-Mitarbeiterin bei der HP-Tochter Verifone. Der Witz ist: „Man
kann tatsächlich vom Tellerwäscher zum Millionär werden“, sagt Heike
Bartlett.
„Wenn man hart arbeitet, wird man für die harte Arbeit
auch belohnt“, so Thomas Neubert. „Die Gehaltsskala ist nach oben hin
offen“, so der Tenor einer Umfrage in der deutschen Gemeinde in San
Francisco. Teveos Klaus Schmidt fügt hinzu: „Es bleibt auch mehr hängen.
Das ganze amerikanische Steuersystem (...) ist ein bisschen fairer.“
Man
kann mehr verdienen und man kann auch schneller Karriere machen. Wer einen
guten Job macht, wird auch seinen Weg machen. „Meritocracy“ nennen das
die Amerikaner, das Prinzip, dass nur zählt, was einer kann, nicht, was
er ist.
In
Deutschland gilt hingegen das Senioritätsprinzip: Du musst fünf Jahre
Abteilungsleiter sein, um Hauptabteilungsleiter zu werden. Alles ist immer
noch hübsch hierarchisch, autoritär, schematisch. Simone Brixel
beschreibt eine Erfahrung aus einem Vorstellungsgespräch in Deutschland:
„Obwohl der Personalbeauftragte mich aus mehreren Interviews persönlich
kannte und wusste, wass ich kann, sagte er: ’Schicken Sie mir Ihr
Examenszeugnis zu.’ Das wäre mir in den USA niemals passiert.“
Zusätzlicher Anreiz für die Techno-Elite: Jede
Hochtechnologie-Firma gibt Aktienoptionen an ihre Mitarbeiter aus. Sie
geben den Angestellten nach einer gewissen Wartezeit die Möglichkeit,
Anteilsscheine der eigenen Firma zu dem Preis zu erwerben, der am
Zuteilungstag der Optionen galt, und sie zum aktuellen Kurs zu verkaufen.
Geht’s der eigenen Firma gut, ist der Kurs inzwischen gestiegen, und die
Angestellten profitieren vom Erfolg des Unternehmens. „Bei uns hat jeder
Anteile an der Firma, und damit hat er auch automatisch ein Interesse an
der Firma“, sagt Klaus Schmidt. In Deutschland geben zwar immer mehr
Firmen Optionen aus, doch steht diese Art des Volkskapitalismus immer noch
am Anfang.
5.
„Ich finde die Internationalität Amerikas aufregend.“
In
Kalifornien finden sich Amerikaner in allen Geschmacksrichtungen, Weiße,
Asiaten (mittlerweile die größte Bevölkerungsgruppe im Golden State),
Lateinamerikaner, Schwarze, Europäer... das Klischee des Schmelztiegels
stimmt immer noch. Die Deutschen hier sind von dieser Multikultur, von der
Offenheit und Toleranz begeistert. Selbst Veteranen der Branche bekommen
glänzende Augen, wenn sie beschreiben, wie dies neue Ideen hervorbringt,
neue Sichtweisen, wie es ihnen erlaubt, mehr über sich und die eigene
Kultur zu lernen – ganz abgesehen davon, dass die kulturelle Vielfalt
die Wirtschaftsblüte fördert.
Lob findet deshalb in der deutschen Gemeinde der Versuch der
Bundesregierung, indische Software-Experten mit der sogenannten Green
Card nach Deutschland zu locken. Für Heiterkeit sorgte indessen der
Streit zu diesem Thema: Zuerst sorgten sich beflissene Bedenkenträger
angesichts von 5000 potentiellen indischen Einwanderern um Arbeitsplätze
oder gar die völkische Identität – und dann kamen so wenige Inder,
dass Gerhard Schröder noch jeden mit seinem Namen kennt.
Fritz
Schulz fasst zusammen: „Was ich hier mag, ist einfach das
Multikulturelle. In Deutschland wird viel drüber gesprochen, (aber nur,)
weil Deutschland noch meilenweit davon entfernt ist, eine multikulturelle
Gesellschaft zu sein. (...) Da tun sich die Deutschen noch schwer (a la)
‚Kinder statt Inder’. Die Deutschen sind sehr von sich eingenommen.
Sie denken nur, dass sie sehr weltoffen sind. Aber es fehlt die
Toleranz.“
6. „ Amerikaner lernen Verfahren anstatt Buchwissen –
und die Unis fördern Höchstleistung, anstatt sie zu bestrafen.“
Als weiteres Erfolgsgeheimnis des Silicon Valleys machen
die Hightech-Deutschen die Ausbildung in den Vereinigten Staaten aus: Zwar
herrscht Einigkeit, dass die Grundschulausbildung hier so schlecht ist,
dass vermutlich sogar Bangladesh damit konkurrieren könnte. „Möchte
ich meine Kinder hier groß werden lassen? Da glaube ich, ist die Antwort
Nein“, sagt Unternehmensberater Neubert.
Doch einen Vorteil des lokalen Bildungssystems streichen
viele Deutsche heraus: „Die Amerikaner sind ausgebildet, Ziele zu setzen
und diese systematisch zu verfolgen. Dafür sind sie schlechter gebildet.
In Deutschland lernt man Inhalte, aber nicht Verfahren“, sagt Klaus
Schmidt, Vater von zwei Söhnen, die in Kalifornien die Schule besuchen.
Deshalb sieht Schmidt „eine bessere Voraussetzung (...), sich auch in
neue Gebiete einzudenken und (Ideen) umzusetzen. Und dafür braucht man
einen Prozess, man muss sich nicht über wissenschaftliche Abhandlungen
hinweg in Details vertiefen, um der Sache total auf den Grund zu gehen.“
Viele Grundschulkinder in den USA haben obendrein
mittlerweile Zugang zu einem Rechner und zum Internet – der Erfolg von
Regierungsprogrammen und dem Engagement von Hightech-Firmen. In
Deutschland wollen viele Lehrer und Eltern davon nichts wissen: Computer
machten Kinder und Jugendliche nur passiv und blöd, heißt es oft, sie würden
nur Spiele spielen und seien obendrein durch Porno auf dem Internet gefährdet.
Anerkennung finden auch die amerikanischen Hochschulen:
Anders als weiterführende Schulen in Deutschland werden die meisten
US-Unis wie Unternehmen betrieben. Sie lehren, was Studenten im wirklichen
Leben tatsächlich verwerten können und verlangen dafür in Form von
Studiengebühren, was diese Ausbildung auf dem Bildungsmarkt wert ist. Der
Nachteil der Ausrichtung am Geld: Kinder aus armen Familien haben
schlechtere Chancen, sich durchzusetzen – allerdings fördern Stipendien
Begabte. Der Vorteil dieses Systems: Größerer Praxisnähe und einer
besser gebildete Elite, vor allem im Ingenieurwesen und der Wissenschaft.
In der Bundesrepublik konzentrieren sich Hochschulen darauf, der Masse
eine durchschnittlich gute Ausbildung zu verschaffen, was die Folge hat,
dass selbst die Begabtesten bald zum Durchschnitt gehören. „Die
deutschen Universitäten sind ein großer grauer Brei.“, klagt Fritz
Schulz.
7. „Die Politiker fördern die Wirtschaft – und die
Demokratie ist lebhafter.“
Der amerikanische Ansatz: Geht es der Wirtschaft gut, geht
es auch den Arbeitnehmern gut. Deshalb sind hier auch die Steuern
niedriger, sowohl für Unternehmen als auch für Individuen, es gibt
weniger Bürokratie, und Existenzgründer finden Unterstützung durch Angel
Investors und Risikokapitalgeber leichter als in Europa.
„Weniger Staat!“ lobt Fritz Schulz. „Es gibt mehr
Demokratie, die ganzen (Volksabstimmungen in Kalifornien), ...das wird dem
deutschen Bürger noch nicht zugetraut. Demokratie wird hier gelebt. (...)
In Deutschland hat man eher den Eindruck, das ist halt die Politik, man
kann eh nichts machen.“
Mehr Einfluß des Bürgers bedeutet auch mehr öffentliche
Diskussion – und die wird als faktenorientierter empfunden: „Ich finde
die Diskussion hier wesentlich (...) sachlicher, neutraler“, fährt
Schulz fort. „(Die öffentliche Diskussion ist in Amerika) viel offener
und demokratischer, transparenter als in Deutschland. In Deutschland ist
öffentlicher Streit immer sehr ideologisch geprägt, bitter, teilend, und
persönlich.“ Ein deutscher Unternehmensberater stimmt zu:
„Diskussionen in Deutschland sind oft verbissen, verteufeln den Gegner.
Da werden immer noch die ideologischen Kämpfe der Vergangenheit
ausgefochten.“
8. „Freundliche Menschen, angenehmes Leben.“
Die
hohe Lebensqualität in Nordkalifornien tut ein übriges, um Deutsche
anzuziehen und zu halten. Das beginnt damit, dass die Menschen im alltäglichen
Umgang einfach freundlicher sind, dass es einfacher ist, neue
Bekanntschaften zu schließen: “Ich
liebe die Offenheit und Freundlichkeit der Amerikaner.”, sagt Fritz
Schulz.
Freilich
teilen sich ab hier die Meinungen. Für die eine Hälfte der Deutschen
stimmt das Stereotyp des „oberflächlichen Amis“ immer noch. Für sie
sind die Menschen zwar freundlich, aber auch oberflächlich. Sie haben
Freundschaften in Europa und Bekanntschaften in Amerika.
Anders
sieht das jedoch die andere Hälfte der Wahlkalifornier, für die Thomas
Neubert sprechen könnte: „Es hängt immer von einem selbst ab, was man
draus macht. Ich hatte nie Probleme, mir einen Freundesskreis
aufzubauen.“ Und Schulz ergänzt: “Das Vorurteil, dass Amerikaner
flach sind, kann ich überhaupt nicht unterschreiben.”
Als
Paradies empfinden alle Deutschen die fantastische Bequemlichkeit des
Lebens im Vergleich zu Deutschland. Immer wieder nennen sie als Beispiel
die Tatsache, dass viele Geschäfte viel längere Öffnungszeiten haben
und manche gar 24 Stunden am Tag geöffnet sind, an 7 Tagen in der Woche,
und an 365 Tagen im Jahr. Verkäufer sind freundlich und hilfsbereit.
Heike Bartlett sagt dazu: „Der Alltag in Deutschland ist anstrengend,
(...) du kannst am Wochenende nicht einkaufen, auf dem Amt sind die Leute
unfreundlich.“ Ein Geschäftsfrau seufzt: „Es ist besser geworden in
Deutschland mit dem Kundendienst. Aber manchmal habe ich in Geschäften
immer noch diesen Tagtraum, in dem alle deutschen Verkäufer in die USA
zur Arbeit zwangsverschickt werden und mir die Einkaufstüten füllen und
zum Wagen tragen müssen.“
Europa ist auf dem richtigen Weg
Doch bei aller Kritik an Deutschland und Europa teilen die
deutschen Hightech-Angestellten eine Einschätzung: Die Alte Welt ist auf
dem richtigen Weg, sich zu reformieren und sich wieder zu beleben. Endlich
haben die Politiker begonnen, aufzuräumen: Die Bundesregierung
beispielsweise hat die Steuern für Einzelpersonen und Unternehmen
gesenkt, ist die Einwanderungsfrage angegangen, wenn auch zaghaft, hat
begonnen, die Überregulierung abzubauen (etwa mit der Milderung des
Ladenschlussgesetzes sowie der Abschaffung des Rabattgesetzes und der
Zugabenverordnung).
Eine wichtige Rolle spielt in der Vorstellung aller
Deutschen hier die Europäische Union (EU). Auch wenn sich ungefähr jeder
zweite Deutsche hier kulturell mehr als Deutscher als als Europäer
versteht, so weiß doch jeder, dass der Nationalstaat passé ist. Die EU
wird gebraucht, wenn die Wirtschaft besser laufen soll: „Wenn man die
verschiedenen Kulturen und Wirtschaften Europas unter einen (Hut) bringen
könnte, dann könnte Europa durchaus mit den USA mithalten“, so Klaus
Schmidt.
Der neuen gemeinsamen Währung wird dabei eine wichtige
Rolle gegeben: „Der Euro ist rundherum gut“, sagt Klaus wie viele
andere. Sie sehen den Euro als Faktor, der die Märkte vereinheitlicht,
den Absatz fördert und die Transaktionskosten senkt – und mehr europäische
Einheit in Wirtschaft und Politik fördert. Die gegenwärtige Euroschwäche
sehen die meisten nur als Zwischentief.
Es glänzt nicht alles im Golden State
Bei aller Begeisterung über das, was im Westküstenstaat
besser ist, verlieren die Deutschen nicht aus dem Auge, was schlechter ist
als in Europa. Hier die Liste der acht am häufigsten genannten Probleme
in Kalifornien bzw. den USA:
- Die
hohen Lebenshaltungskosten, hervorgerufen durch die riesigen Mengen
Geldes, die durch die Hightech-Industrie fließen.
- Die
Wohnungssituation: Es ist schwierig, überhaupt eine Wohnung zu
finden, und ergattert man eine, sieht man sich „mit doppelt so hohen
Mieten konfrontiert“, sagt Simone Brixel.
- Die
katastrophale Verkehrslage: Das Straßennetz hält nicht Schritt mit
dem Zufluß neuer Einwohner und ihrer Autos. Der öffentlicht
Nahverkehr wird so stiefmütterlich behandelt, dass er unterentwickelt
und in schlechtem Zustand ist.
- Eine
Bürokratie, die ebenso schlimm ist wie in Deutschland, aber weniger
leistungsfähig. Auf besondere Kritik stößt das Chaos und die
scheinbare Willkür die US-Einwanderungsbehörde INS (Immigration and
Naturalization Service).
- Der
krasse Materialismus, der die Gesellschaft durchzieht: „Alles geht
ums Geld hier“, Simone Brixel. Ein Unternehmensberater sagt: „Hier
hast Du Kapitalismus pur. (...) In Europa zählen auch andere Faktoren
als nur das Geld.“ Allgemein wird der mangelnde Sinn für
Lebensgenuss beklagt.
- Die
soziale Ungleichheit und die mangelnde soziale Sicherung, deren Folgen
gut sichtbar sind mit den Homeless, den Obdachlosen in San
Franciscos Straßen.
- Das
höhere Gewaltniveau in der Gesellschaft.
- Der
Mangel an Umweltbewusstsein.
Und so resümieren die meisten Überseedeutschen ihre
Erfahrungen hier wie folgt: Europa kann von Amerika lernen, wie es seine
Wirtschaft wieder beleben kann. Und Amerika kann von Europa lernen, wie
ein Mehr an staatlicher Ordnung für eine vernünftige öffentliche
Infrastruktur sorgen kann und für sozialen Ausgleich.
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